Die Geschäfte des Herrn Phong
Herr Phong sitzt auf der Veranda des Restaurants in der Bach Dang und wartet. Die Bach Dang ist die Rambla von Hoi An, ein Fuß-, Fahrrad- und Mopedweg der am Fluß entlangführt, an dem das ehemalige Fischerdorf liegt. Hier schmiegt sich Haus an Haus, Restaurant an Restaurant und keines davon wird jemals eine Haube verliehen bekommen, doch darum geht’s auch gar nicht. Hier zahlt man für die Aussicht. Herr Phong begrüßt die Gäste, bringt die Speisekarte, nimmt die Bestellungen entgegen. Doch Herr Phong arbeitet nicht hier, und noch weniger ist er Kellner.
Herr Phong ist Reiseführer und das Restaurant ist sein Büro. Booking: 6:00pm to 9:00pm steht auf seiner Visitenkarte. Täglich. Herr Phong organisiert Reisen ins echte, authentische Vietnam.
Ob Hoi An seine besten Zeiten hinter oder noch vor sich hat, darüber läßt sich trefflich spekulieren. War es im 17. und 18. Jahrhundert wichtiger Hafen, hat ihm das 30 km nördlich gelegene Da Nang irgendwann den Rang abgelaufen und das Städtchen versank in der Bedeutungslosigkeit der Geschichte. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß die Altstadt bis heute fast original erhalten ist und mittlerweile zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Die einzige auto- und mopedfreie Altstadt Vietnams. Zumindest theoretisch. Sogar der Fluß ist noch völlig authentisch: genauso dreckig wie vor 200 Jahren.
Wir starten um 9 Uhr vor dem Hotel; Herr Phong kommt mit dem eigenen Moped und mit einem gemieteten Fahrer, es geht nach Quang Nam, einem Kaff keine zehn Kilometer nördlich der Stadt, ein paar hundert Häuser links und rechts der Straße. Hier geht das Leben noch seinen ruhigen Gang, sieht man vom Verkehr ab. Die meisten hier leben vom Anbau von Reis und Tabak. Erster Stop ist Herrn Phongs Privathaus. Erst letztes Jahr wurde es fertiggestellt, ein bescheidenes aber gut ausgestattetes Familienheim. Das Haus seines Bruders ist gleich nebenan. Der Bruder ist nicht Reiseführer, er ist gelähmt und frettet sich durch. Man sieht es dem Haus an. Wir absolvieren eine Stunde Geschichtsunterricht in Sachen 20. Jahrhundert. Herr Phong war dabei – Ingenieur von Beruf, wurde er kurz nach Beginn des Studiums zum Militär eingezogen, Mitte der Sechziger, als der Krieg zwischen dem kommunistischen Norden und dem kapitalistischen Süden so richtig losging.
Nach dem Krieg war er als Bauingenieur tätig, aber das ging nicht so recht vorwärts. Der Onkel war Kommunist, ist er heute noch. Herr Phong selbst war nie einer. Sowas kann eine Karriere in Vietnam ordentlich bremsen. Aber sie würden ihn auch gar nicht in die Partei aufnehmen, selbst wenn er wollte, denn dazu braucht es entweder eine politisch korrekte Familienhistorie oder entsprechend Geld. Ja, auch der Kommunismus hat sich den praktischen Erfordernissen angepaßt. Herr Phong hat weder das eine noch das andere, offiziell ist er Bauer. Nun ja. Ein bißchen was wird tatsächlich angebaut vor dem Haus – fürs Suppengrün reicht es.
Wir plaudern ein bißchen übers Leben im realsozialistischen Alltag. Als Bauer ist es kein Problem, vier Kinder zu haben, so wie Herr Phong. Will man in der Partei aufsteigen, ist die Zweikindfamilie Programm. Stellt sich kein Sohn ein, ist das ungut, denn Töcher werden verheiratet und gehen dann in der Familie des Bräutigams auf, selbst wenn sie ihre Nachnamen behalten. Damit später mal vor dem Familienschrein einer für einen betet, braucht man Söhne. Aber jetzt schweife ich ab. Beim Sozialismus waren wir, und bei der Marktwirtschaft. Die jüngere Gechichte und Onkel Ho interessieren uns nur am Rande, wir haben die Eckdaten alle im Kopf. Das überrascht unseren Gastgeber, denn offenbar sind die Touristen, die seine Tour sonst buchen, geschichtswissenschaftlich recht unterernährt. Das erklärt die zahlreichen Dankesbriefe aus aller Welt, die Ansichtskarten und die Bücher, die ihm die Leute schicken. Herr Phong hat ihnen allen die Augen geöffnet und sie haben ihre Herzen geöffnet.
Während wir uns über schlechte Universitäten unterhalten und darüber, wieviel ein Lehrer hier verdient (umgerechnet zwischen $50 und $200 im Monat, je nach Schule und Dienstalter), streicht die Zeit dahin. Und der Onkel wartet. Auf einem Dorfrundgang lassen wir uns den lokalen Markt erklären, die tatsächlichen Preise für Gemüse und Obst – unsere Mangos waren trotz zäher Verhandlungen ums Dreifache überbezahlt, und diskutieren über privaten Landbesitz, Familienschreine unglaublich reicher Nachbarn und darüber, wie man im Kommunismus eigentlich reich werden kann.
Natürlich ist Vietnam nicht mehr wirklich kommunistisch, es ist durch und durch kapitalistisch. Trotzdem unterliegen die Mädels, die am Hausstrand von Hoi An mit ihrem Krimskrams Kunden suchen, strengen Kontrollen. Jeden zweiten Tag dürfen sie verkaufen und nur in einem bestimmten Abschnitt. Einzige Ausnahme bildet die uralte Frau mit ihren Zigaretten, Taschentüchern und frischen Bananen. Die kümmert das gar nix, die tut was sie will.
Spät am Abend – kurz vor Neun ist hier – sind wir unterwegs auf einem Abendspaziergang auf der Bach Dang, nach einem Drink beim Landsmann gegenüber. Wie jeden Abend zwischen Sechs und Neun begrüßt Herr Phong die Gäste, bringt die Speisekarte, nimmt die Bestellungen entgegen. Doch Herr Phong arbeitet nicht hier.
One Response to “Die Geschäfte des Herrn Phong”
December 29th, 2009 saat: 5:09 pm
Hallo Ihr Zwei im fernem Hoi An mit eurem Herrn Phong. Interessante Eindrücke, amüsante Schilderungen – wie immer unterhaltsam …