Primero prado de perros en Buenos Aires

Schön langsam muß ich diesen Reiseblog wohl in “Tangoblog” umtaufen, denn wir sind schon wieder in Buenos Aires gelandet. Es ist erneut windig, die Temperaturen aber angenehm und vor allem trocken. Die Stadt hat sich verändert, seit ich vor eineinhalb Jahren das letzte Mal hier war. Sie ist nominal teurer geworden, unterm Strich aber günstiger. Haben die Schuhe damals noch rund 100 Dollar gekostet, sind es jetzt nur mehr 80, denn der Wechselkurs ist um 50% besser. Eine weitere wesentliche Veränderung besteht in den Zeitabläufen. Es dauert alles deutlich länger als damals. Letzteres ist aber dem Umstand geschuldet, daß wir dieses Mal zu zweit reisen und Schuhkäufe dementsprechend ihre Zeit brauchen. Außerdem: ein Paar feinster Comme il Faut für umgerechnet 90 Euro, da kauft frau doch lieber gleich zwei.

Im Bild gut zu erkennen: links die Ausstattung für die Nachmittagsmilongas, rechts der Abend

Die Portenos finden ja, daß ihre Stadt eine grüne ist. Nun ja, es gibt Bäumchen in fast jeder Straße und damit meine ich nicht die illegalen Geldwechsler, die ebenfalls so genannt werden und die ebenfalls in fast jeder Straße stehen. Nein, echte Bäume. Sogar Parks. Und – alle Leser, die meinen Ersteintrag von vor eineinhalb Jahren kennen, werden jetzt applaudieren – Buenos Aires hat seine erste Hundewiese!

Und nein, Sackerl gibt es immer noch keine.


Buenos Aires Again

Es ist genau ein Jahr her, daß ich das letzte Mal dort war. Doch ab 24. Februar 2014 geht’s wieder los: Argentinien, Uruguay und natürlich Buenos Aires! Dieses Mal mit Dolmetscherin.


Begegnungen

 

Ich spüre das leichte Zittern ihrer Hand, als sie ihre Rechte in die dargebotene Linke legt, sich vorsichtig in meine Umarmung schmiegt, den strohblond gefärbten Kopf auf meine Brust bettet. Es braucht einige Sekunden des Einfühlens, dann sind wir verbunden. Selbst mit den hochhackigen pinkfarbenen Schuhen ist sie noch einen Kopf kleiner als ich. Zwei Abende lang bin ich ihr ausgewichen, wandte den Blick wieder ab, wenn er zufällig den knallblauen Minirock streifte, oder ihre Beine, deren Altersflecken von der großmaschigen Netzstrumpfhose kaum verhüllt werden. Immer wieder traf ihr Blick meinen, hielt sie Ausschau nach mir, tat ich, als hätte ich es nicht bemerkt. Etwa Sechzig hätte ich geschätzt, auf die Entfernung hin. Nun, da sie mir direkt gegenübersteht und mich mit dem Blick eines altgedienten Lawinensuchhundes aus Augenhöhlen wie ein Braunkohletagebau mißt, lege ich nochmal fünfzehn Jahre drauf. Sie war hartnäckig, hat bis zur Damenwahl gewartet, sich ein Bonbon geholt und es mir erwartungsvoll überreicht. Konversation ist überflüssig, sie spricht nicht nur kein Wort Englisch, sie versteht auch keines. Doch sie kuschelt ihren Busen in die Kuhle unterhalb meines Rippenbogens, zufrieden und wissend, daß diese Tanda nun endlich ihr gehört. Und trotz des leichten Zitterns ihrer Hand lassen die netzbestrumpften Beine und der sichere Tritt keinen Funken des Zweifels aufkommen: auf dem Parkett ist sie eine Göttin.
 
Tango ist auch in Buenos Aires mehr eine Post-Fünfzig- als eine Prä-Dreißig-Veranstaltung. Das Jungvolk ist vergleichsweise rar, alles ab Pugliese gilt als Tango-Nuevo, die ganz neuen laufen unter "Tango Electronico" und sind hier längst schon wieder out. Die enge Umarmung fühlt sich einfach besser an. Zwischen zehn und fünfzehn Milongas können Tangueras und Tangueros täglich auswählen, am Wochenende das doppelte. Die Stadt gibt ein Infoheftchen heraus, wo an welchem Tag was stattfindet. Von Sporthallen bis kleine Straßencafés ist alles vertreten. Man stelle sich die Lieferinger Turnhalle mit Klapptischen und Plastiksessel entlang der Wände vor, das Deckenlicht zurückgedreht und schon geht's los. Oder das Café Tomaselli in Salzburg, wo zwischen den Tischen, zwischen Gemüsesupperl und Schinkenfleckerl oder was das Tagesmenü halt so hergibt, kurz ein paar Tangos eingeschoben werden, bevor die nachmittägliche Pflicht wieder ruft.
 
Cafés gibt es in Buenos Aires ohne Zahl. Man möchte meinen, daß man im altehrwürdigen Café Tortoni unter der Woche nicht auf einen Platz warten müßte. Tut man aber. Der Doorman hält die Schlange vor der Tür in Schach und läßt erst wieder wen rein, wenn wer rauskommt. Und Schlange stehen tun die Portenos brav, da wird nicht vorgedrängelt oder gemogelt. Ist mir trotzdem zu blöd – ich gehe ins zweitwürdigste, das Las Violettas, ein paar Kilometer weiter. Weniger Touristen dort, man kriegt problemlos einen Ecktisch mit Übersicht und sobald der Ober sich entschlossen hat, einen zu bedienen, verwöhnt er einen mit zuvorkommender Aufmerksamkeit, funktioniert die Nachbestellung mit Cabeceo und Handzeichen über 20 Meter hinweg und hat der mit Adleraugen gesehen, welches der drei zum Kaffee servierten Kekse ich lieber mochte, ist der zweite Serviergang bereits ganz auf mich abgestimmt. Da könnte der Herr Franz vom Bazar noch was lernen.
 
Zuvorkommend, freundlich, kontaktfreudig. So könnte man die Leute hier durchaus zusammenfassen. Frauen gegenüber sowieso, den Damen wird wie selbstverständlich beim Einstieg in den Bus der Vortritt gelassen und in der U-Bahn ein Sitzplatz angeboten. Als Traudi aus Bayern ein einziges Mal versucht, ein solches Angebot abzulehnen, ist die Wiederholung der Aufforderung immer noch höflich, der Blick aber sagt unmißverständlich: "Sitz!"
 
Was nehme ich mit aus dieser Stadt der vielen Superlative? In der es das beste Eis der Welt gibt (tatsächlich), die besten Steaks (aber auch nur Steaks, die Pasta ist zum Vergessen), den besten Fußball, die breiteste Straße, die älteste U-Bahn Südamerikas, die meisten Cafés, die schönsten Frauen und natürlich die weltbesten Tangueros? Es war ein gewagtes Experiment, mit nur wenig Tanzerfahrung hierher zu kommen, quasi kopfüber einzutauchen und natürlich war es zu kurz. Doch ich habe hier in zwei Wochen mehr getanzt und gelernt, als ich zuhause in einem Jahr die Möglichkeit gehabt hätte. Und trotz der Schlappen, Körbe und Rückschläge hat es dem tänzerischen Selbstbewußtsein ungeheuer gut getan, den Blick auf das große Ganze eröffnet, der vorher gefehlt hat. Meine Spanischkenntnisse sind in rapidem Tempo von 0 auf 100 gestiegen. Wörter. Also gut, inklusive Zahlen. Ein Doscientossettentaydos für den Taxifahrer geht wie selbstverständlich über die Lippen. Für den nächsten Besuch werde ich das Spanisch noch etwas aufrüsten – ist ja doch netter, wenn man sich am Parkett auch mit ein paar Worten verständigen kann und nicht nur mit Gesten. Die Zeit ist zu schnell vergangen, das nehme ich mit. Und eine Menge Eindrücke, die erst langsam nachwirken werden.
 
Am Flughafen kaufe ich noch ein paar billige Kopfhörer für das Mobiltelefon, nur und ausschließlich zu dem Zweck, beim Abflug Pugliese zu hören.
 
Hasta la vista, Buenos Aires!

La divina commedia

 

Der Typ wußte echt nicht, wohin mit der Kohle.
 
Luis Barolo war 1890 aus Italien eingewandert und zwanzig Jahre später hatte er Macht und Geld. Und ein Faible für Dante Alighieri, insbesondere die Göttliche Komödie hat es ihm angetan. Und weil er sich um Dantes Gebeine beziehungsweise seine Asche im kriegsumtobten Europa sorgte, wollte er diese lieber in der neuen Welt wissen und baute kurzerhand ein Mausoleum, das Palacio Barolo. Mitten in der Stadt, Avenida de Mayo 1370. Bauzeit vier Jahre, 1921 haben sie es eröffnet.
 
Die Statue im Erdgeschoß, exakt in der Mitte des Gebäudes, repräsentiert Dantes Himmelfahrt. Weil die Urne immer noch in Italien weilt, sonst wäre sie genau hier begraben. Das gesamte Gebäude stellt die Göttliche Komödie dar und wartet mit unzähligen Anklängen an das Stück auf. 22 Stockwerke wie 22 Strophen und die 22 Stationen. Keller und Erdgeschoß stellen die Hölle dar, das Fegefeuer liegt zwischen dem 1. und dem 14. Stock. Darüber beginnt das Paradies, das sich über 8 Etagen erstreckt. Und weil ein Kreis für Dante die perfekte Form war, finden sich keine Ecken, dafür aber unzählige Kreise und geschwungene Details. Fahrstühle mit halbrunder Kabine, ein kreisförmiger Durchbruch vom Erdgeschoß in den 4. Stock, Bürotüren als Vierteilkreise mit gebogenem Glaseinsatz.
 
Denn eigentlich ist es ein Bürogebäude. Man kann es nicht einfach besuchen. Die Führung wird auf Spanisch und Englisch vom Enkel des ehemaligen Leuchtturmwärters des Hauses durchgeführt – er ist der einzige mit dem Schlüssel zum Turm. Der Leuchtturm, das ist die Kuppel des Gebäudes. So geht es, teilweise mit dem Lift, teilweise auf immer enger werdenen Wendeltreppen auf die Spitze. Der Leuchtturm ist heute außer Betrieb und nur mehr eine Touristenattraktion, vor 90 Jahren noch haben sie gemorst, zwischen dem Palacio Barolo und dem Schwestergebäude drüben in Montevideo in Uruguay, dem Palacio Salvo. Aber hier auf 100 Metern Höhe ist die Aussicht über die Stadt gigantisch.
 
Muß ein charmanter Spinner gewesen sein, dieser Barolo. Mit dem hätt ich gern mal ein Glas Wein getrunken…
 

Regen

Der Regen ist zurück und während ich dies schreibe, tröpfelt es. Ich meine: hier im Zimmer. Von der Decke. Draußen schüttet es aus Kübeln und die Dachterrasse über mir hat offenbar nie eine Dichtheitsprüfung bestanden.

 
Bei Regen bleiben die Portenos tatsächlich zuhause. Auch die Schüler und erst recht die Tanzschüler. Die Escuela Argentina de Tango im obersten Stock des Einkaufszentrums Pacifico ist weitgehend leer. Und weil das alle wissen, außer mir, bleiben auch die Lehrer zuhause. Die Stunde mit Veronica fällt aus. Wirklich schade, denn die Frau hat einen guten Humor und komödiantisches Talent: sie äfft die Schüler vor versammelter Klasse nach, um zu demonstrieren, was sie falsch machen. Darauf folgt die Anweisung, wie es richtig zu machen wäre. Nicht gezeigt, sondern in sehrrrrr fließendem Spanisch. Man ist danach so klug wie zuvor, aber nach dem vierten, fünften Durchgang hat es auch der letzte begriffen.
 
Schön sind sie nicht, die Argentinierinnen. Sehr maskuline Gesichtszüge. Das wirkt bei einigen Frauen ungeheuer attraktiv. Dem Gros, das nicht mit schönen schwarzen Haaren und einer großgewachsenen schlanken Statur gesegnet ist, gereicht es aber selten zum Vorteil. Veronica gehört zu den letzteren, an ihr ist ein stattlicher Mann verloren gegangen und sie weiß das.
 
Doch Veronica kommt heute nicht. Ob ich stattdessen die Parallelklasse mitmachen möchte? Ja klar, warum nicht. Ist zwar für Fortgeschrittene, aber soviel Selbstbewußtsein hab ich doch mittlerweile locker.
 
Passenderweise sind auch die Lehrer der Parallelklasse nicht erschienen und so hält Mariajose eine weitere Stunde in Vertretung. Und da außer mir auch keine anderen Tanzschüler erschienen sind, haben wir uns zu zweit. Zum Auftakt vernichtet sie mich, wir müßten wirklich mit den Basics beginnen. Das tun wir dann auch ausgiebig, eine Stunde im Kreis gehen, Haltung üben, zwei Runden geht sie mit. Dafür müßte ich nun nicht extra in die Escuela, das ginge auch alleine. Mariajose sieht das genauso und geht zwischendurch eine rauchen, sie ist sichtlich genervt. Als sie die Stunde fünfzehn Minuten vor der Zeit beendet, wird sie schließlich doch noch versöhnlich: mit ein paar Privatstunden ließe sich da schon was machen bei mir. Natürlich werde ich mich bei ihr melden! Ach Mariajose, da müssen wir aber noch ein bißchen üben und wirklich bei den Basics beginnen. Anfängerklasse Charme zum Beispiel, danach Professionalidad Intermedio. Mit ein paar Stunden wird das schon.
 
Ich setze mich zum Starbucks in der Eingangshalle des Pacifico, warte auf das Nachlassen des Wolkenbruchs und übe mich im Cabeceo. Wahrlich kein Spiel für entscheidungsschwache Frauenversteher, es geht nämlich rasend schnell! Schon der zweite Versuch klappt: die großgewachsene Brünette, der die maskulinen Gesichtszüge ganz ausgezeichnet stehen, lächelt im Vorbeigehen verstohlen zurück. Yepp! Wäre dies eine Milonga, wären wir schon auf der Tanzfläche.
 

Una noche en La Viruta

Die europäischen Klischees für Argentinien sind Pampa (von hier kommt das Wort ja schließlich), Rindfleisch und, zumindest bei Buenos Aires: Tango!

 
Der Argentinier selbst interessiert sich für Fußball, Politik und natürlich Essen. Sinkt die Quote – die größte Tageszeitung veröffentlich regelmäßig die Zahl der geschlachteten Rinder – glaubt man sich am Rande einer Hungersnot. Tango geht in Wahrheit vielen Argentiniern ein bißchen am Arsch vorbei oder ist etwa so wichtig, wie dem Österreicher der Walzer. Von wegen Lebensphilosophie und in die Wiege gelegt: Tanzschule, Gruppenstunde. Die eine ist süße Zwanzig, die andere Ende Vierzig. Beide sprechen sie leidlich Englisch und sind defintiv Tango-Anfängerinnen. Daß sie aus Buenos Aires stammen, hätte ich nicht vermutet und rette mich mit Komplimenten über die hervorragenden Sprachkenntnisse.
 
Auch Frederic aus Dublin treffe ich in der Schule. Ein Tangofrischling, der ist hier, um es ordentlich zu lernen. Nach dem Beruf gefragt, murmelt er etwas von Investment und self-employed, doch so wie ich ihn einschätze, ist er kein hungernder Vermögensberater, sind die zwei Monate Buenos Aires, die er hier zu verbringen gedenkt, zumindest finanziell kein Thema für ihn. Vielleicht sollte ich zwei Monate als Option ernsthaft erwägen? Danach stört mich zuhause garantiert kein Verkehrslärm mehr, denn Buenos Aires ist eine laute Stadt.
 
Die Zweimonatigen sind hier keine Seltenheit. Auch Michael aus Deutschland hat für sieben Wochen eingecheckt. Typ weißhaariger Pferdeschwanzträger, ehemals Banker, heute Privatier. Er ist das fünfte Mal hier und kennt sich aus. Tango tanzt er seit – ach, daran kann er sich schon gar nicht mehr erinnern. Sympathischer, umgänglicher Kerl, sehr berredet. Nur wenn er anfängt, über die Tangoszene hier wie dort zu schwadronieren und mit Lebensweisheiten zu würzen, dann wünscht man sich nach fünfzehn Minuten einen Auschaltknopf an ihm. Doch Dänemark ist entzückt über jemand aus der eigenen Alterskohorte, der des Englischen mächtig ist.
 
Das sind die Portenos eher nicht. Ohne Spanisch geht gar nichts. Was heißt Spanisch – ohne Cabeceo, den richtigen Blickkontakt zum Auffordern – geht auf Milongas schon gar nichts. Die argentinischen Prinzessinnen sind ausgesprochen kapriziös. Da ist man(n) dankbar für die gemietete weibliche Tanzbegleitung, selbst wenn sie etwas Mundgeruch hat. Aber den deutschen Damen geht es nicht viel besser. Traudi unterhält den Rest der Gruppe mit Anekdoten über das rüde Verhalten der Tangueros, die sie bei ihren unermüdlichen Gehversuchen auf den Nachmittags- und Abendmilongas tapfer und trotzig sammelt.
 
Die traditionellen Milongas sind besser zum Tanzen, teilweise allerdings unglaublich steif und konversationsarm. Die progressiven sind unterhaltsamer und auch vom Tanzstil spannender.
 
Wie das Malcolm. Hier trifft sich die Tangojugend, bläuliche Neoröhren tauchen den Tanzsaal mit Marmorboden in schummriges Licht. Ohne Cabeceo geht trotzdem nichts, die sympathische Dame hinter mir starrt demonstrativ in ihr Mobiltelefon, um den Blick nicht erwidern zu müssen. Schließlich klappt's doch noch mit einer vollbusigen Blondine, deren Parfum mir fast den Atem raubt, als sie ihren Kopf an meine Kehle kuschelt. Aber es funktioniert, und die Dame spricht sogar ein paar Worte Englisch – für ein Whereyoufrom und den Austausch der Namen reicht es. Kleine Schritte.
 
 
Ultimo Tango um halb Vier, dann gehen die Deckenlampen an und nach einer letzten Chacarera hauen sie uns raus. Der Marsch der Vertriebenen mit den kleinen Tanzschuhbeuteln über der Schulter führt zwei Häuserblocks weit. Im Armenischen Kulturzentrum befindet sich das La Viruta. In den 90er Jahren eine subversive Neuerscheinung, in der sich die Nuevo-Tänzer zusammengerottet haben, die keine Lust auf Anzug, Krawatte und steifen Milongero-Stil mehr hatten. Ich habe es mir wilder vorgestellt – wie das Catedral nur als Kellerbar. Doch es sieht aus wie eine Disco aus den 70ern, bunte Lichtorgeln, sehr düster, Cabeceo impossibile! Großer Tanzsaal, buntes Tischgewirr drumherum. Code: keiner. Ab drei Uhr früh ist der Einlaß gratis und dann kommen sie aus den anderen Clubs rüber ins La Viruta, denn hier kann man ab halb Sechs Frühstück ordern mit Café con Leche und frischen Medialunas, den argentinischen Croissants, getanzt wird bis Sieben.
 
Wir aber fallen um sechs Uhr früh, nach einem langen langen Tag endlich ins Bett. Denn um 10 Uhr ist wieder Tagwache…
 


Shoppen auf argentinisch

 

Frägt man den Porteno um eine typische Kopfbewegung, schaut er nach schräg oben, dann nach rechts und geht dann über die Straße. Fußgängerampeln gibt es auch und man ist gut beraten, sie zu befolgen, wenngleich sich nicht darauf zu verlassen. An den meisten Ampeln aber orientiert der Fußgänger sich an den Anzeigen für den rollenden Verkehr, nach dem Motto: wenn der Rot hat, ist die Gefahr, am Zebrastreifen überfahren zu werden, geringer. Gering-er, denn gering ist sie nicht. 
 
Die Orientierung allerdings ist, wenn man sich mal eingewöhnt hat, unkompliziert. Die Stadt ist schachbrettartig angeordnet, Avenidas in die eine, Querstraßen in die andere Richtung, alle 4 Blocks eine große Straße. Die Hausnummern geben die Entfernung zur Avenida Rivadavia an, welche die Stadt quasi in eine Nord- und Südhälfte teilt. Die Hausnummer 8159 ist also 8 km vom Zentrum entfernt. Ziemlich deppensicher.
 
Auch die Geschäfte konzentrieren sich gerne nach Branchen in den einzelnen Straßen – zum zielgerichteten Shoppen ein Paradies. 5 Tangoschuhgeschäfte alleine auf 50 Metern in der Suipacha, der Rest konzentriert sich im Abasto-Viertel auf einem Block. Und in der Straße Pasteur gibt es – wer errät es? – alles für den Arzt.
 
 
Und es gibt tatsächlich Geschäfte für alles. Selbst Dinge, die man zuhause seit 25 Jahren nicht oder nur mehr in Spezialgeschäften zu kaufen bekommt. Da mein Mobiltelefon gestern eingegangen ist, zieht es mich in die Avenida Corriente, wo mir schon letztens auffallend viele Elektronikshops untergekommen sind. Ich bin darauf eingestellt, mir kurzerhand ein neues Telefon zu kaufen, da sich das alte nicht mehr rührt.
 
Doch schließlich führt mich meine Nase doch noch in die richtige Richtung: in einem aufgelassen Einkaufszentrum, das mehr eine Bauruine darstellt, hat sich alles zusammengerottet, was mit gebrauchten Mobiltelefonen zu tun hat. Der freundliche junge Mann im Erdgeschoß spricht zwar kein Wort Englisch, aber ein passendes Ersatzdisplay hat er zur Hand. Einbauen tut er's nicht, er zeigt nach oben. Als der begriffsstutzige Europäer immer noch nicht versteht, geht er schließlich mit: über die Hintertreppe, denn die Rolltreppen sind wegen Baufälligkeit gesperrt, landen wir im zweiten Stock, wo der Meister arbeitet. Der Herr Ingenieur lötet persönlich. Und zwanzig Minuten später ist alles wieder gut, für knapp 10 Euro.
 
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Kontrastprogramm

Würde man die Milongas in Glaubensrichtungen einteilen – und diese Kategorisierung ist gar nicht mal abwegig – dann gäbe es katholische, erzkatholische und orthodoxe. Auf der anderen Seite die Atheisten, von linksliberal bis zu den Anarchos.

 

Und während das La Catedral eher zur Anarchoszene gehört, ist Boedo Tango einwandfrei katholisch. Das Lokal verströmt den Charme einer 80er-Jahre Landdisco, organisiert von der örtlichen Jungschargruppe: rot bepinselte Wände, verspiegelte Säulen, Stühle wie aus der Baumarkt-Gartenabteilung, Marke Nirosta, die Glitzerkugeln fehlen. Der Tanzsaal ist riesig, mit zwei großen Tanzflächen, einer Bühne und endlosen Tischreihen. Hier wird man gesetzt.

 

Männer und Frauen in getrennten Tischreihen. Eine Unterhaltung mit den Tischnachbarn scheitert an den Spanischkenntnissen, die Unterhaltung mit den deutschsprechenden Tischnachbarinnen daran, daß sie eine Reihe weiter sitzen. Die Gestensprache ist rasch erschöpft, es bleibt der Blickkontakt. Auf diese Weise wird aufgefordert, man trifft sich auf der Tanzfläche und plaudert dort erst mal, anders geht's ja auch gar nicht. Während der ersten ein, zwei Minuten jedes Stückes stehen durchaus mehr Leute plaudernd auf dem Parkett, als tanzend, bis sich der Mob langsam wieder in Bewegung setzt. Die restlichen 90 Sekunden kommt man auch mit Sakko nicht mehr ins Schwitzen.

 

Hier sind außer uns keine Touristen und es geht ausgesprochen züchtig zu. Mein Blick schweift über die Tischreihen und registriert Mineralwässer, Cola, Kräutertees. Altersdurchschnitt: deutlich über 50, eher 60 und das ist höflich. Musik: traditionell. Neotangos würden sie hier mit dem Kruzifix und einer Stange Knoblauch austreiben. Die größte Extravaganz des Abends ist eine komplette Tanda mit Samba(!)-Stücken, da lassen sie echt den Stier raus.

 

Nun ja. Jeder nach seinem Geschmack. 


Stadt der Engel

Am Mittwoch ist tangofrei. Bis zum Abend jedenfalls, bis zur nächsten Milonga. Zeit, Buenos Aires auf meine Lieblingsart zu erkunden: zu Fuß. Ich marschiere Richtung Norden, Richtung Recoleta.

 

Wenn Buenos Aires das "Paris des Südens" genannt wird, ist Recoleta gemeint – Plaza Francia zeugt davon. Seit 140 Jahren ist es ist ein exklusives Wohnviertel mit zahlreichen wunderschönen Jahrhundertwendebauten, eleganten Boutiquen und deutlich mehr Bäumen als im Zentrum von Buenos Aires. Richtig schick wurde das Viertel, als die betuchteren Einwohner des alten Zentrums vor der Gelbfieberepidemie von 1871 flohen, ihre alten Häuser aufgaben und sich im Norden der Stadt neue bauten. Und noch eine zweite Stadt haben sie dort gebaut: die Stadt der Engel, den Friedhof von Recoleta.

 

55.000 Quadratmeter, sagt der Reiseführer, fast 5.000 Totenhäuser. Häuser, keine Erdgräber. Erbaut aus Stein und Marmor, im Jugendstil oder modern, den Wohnhäusern der Lebenden nachempfunden, mehrere Stockwerke oberirdisch, mehrere unterirdisch. Teils gigantische Monumente für jene, die sich selbst auch im Tod noch darstellen wollen: der alte General mit einer überlebensgroßen Statue seiner selbst neben kleineren Familienmausoleen, um die sich seit scheinbar Jahrzehnten niemand mehr kümmert. Ein leichtes Gruseln überkommt einen, wenn man durch die zerbrochenen Scheiben auf die gestapelten Särge blickt, die großteils überirdisch gelegt sind, so nahe, daß man sie mit der ausgestreckten Hand berühren kann. Bei manchen meint man, die Knochen der Toten sehen zu können, wenn nicht nur die Fensterscheiben, sondern auch ein Sargdeckel zerbrochen ist. Der Modergeruch, der aus Kammern aufsteigt, ist jedenfalls echt.

 

Und über allem trohnen die Engel. Hunderte, tausende. Sie stehen vor, neben und auf den Dächern der Häuser und wachen über die Toten.

 


La Catedral

Schon jetzt bereue ich es, pünktlich heimfliegen zu müssen. Das Gepäck ist mittlerweile eingetroffen und hätte ich die Option, ein paar Wochen zu verlängern, ich würde kurzerhand hierbleiben. Buenos Aires beginnt, seinen Zauber zu entfalten. Dem mörderischen Verkehr zum Trotz geht es eher gemütlich zu in dieser Stadt. Niemand hetzt. Auch wir nicht:

 
10 Uhr
Tagwache und gemeinsames Frühstück, Kurzbesprechung, was wir heute so anstellen wollen und wer wann was shoppen möchte.
 
11 Uhr
Workshop direkt im Hotel, Chacarera heute, ein argentinischer Volkstanz, der auch auf den Milongas zwischendurch getanzt wird. Morgen gibt's wieder Tango.
 
16 Uhr
Klassischer Gruppenunterricht in der Escuela Argentia de Tango. Tanzlehrer Pablo erobert die Herzen der Mädels im Sturm: Ende Zwanzig ist er, verflucht gutaussehend, toller Körper und Körperbeherrschung, Zähne wie aus der Fernsehwerbung und dann palavert er auch noch charmant auf Spanisch und Englisch. Jede von ihnen hätte ihn sich gerne zum Mitnehmen einpacken lassen. Aber nur ich bekomme seine Visitenkarte. Die mit dem nackten Oberkörper…
 
19 Uhr
Nach einem Powernap die erste Privatstunde mit Marion, der Ex-Showtänzerin. Prima Vibes, es geht was weiter. Fühle mich gerüstet für den Abend.
 
21 Uhr
Tango y Cena, also Abendessen mit Show in einem der nahen Theater. Das Essen ist hervorragend, die Show ist auch gut. 
 
24 Uhr
Auf in eine der Milongas. Die Abendmilongas fangen nicht vor 23 Uhr an, ab Mitternacht kommen die Leute, ab 2 Uhr die guten Tänzer. Im La Catedral geht es bis Fünf, am Dienstag mit extra Show. Deshalb sind wir hier.
 
Das Catedral ist in einer Gegend, wo man als Frau nachts ungern allein spazieren geht. Muß frau auch nicht, wir sind ja zu acht. Das Lokal ist ein unscheinbares Eckhaus mit Aufgang in den ersten Stock. Oben offenbart sich der Name: sie haben einfach eine Decke rausgerissen und dem Carlos Gardel eine Kathedrale gebaut. Fertig ist es halt noch nicht… 
 
Die Location hat was von einer Sperrmüllsammelstelle mit seinem Sammelsurium an Bestuhlung, den Klapptischchen und den riesigen Kabeltrommeln, die ebenfalls als Tische dienen. Die Wände über zwei Geschoße wild dekoriert, bei Shows wird schon mal am Tresen getanzt und zwischendurch huscht die Hauskatze übers Tanzparkett. Dieses mußte schon einige Dacheinstürze verkraften, der Verformung des Bodens nach zu urteilen. Das alles tut der Stimmung keinerlei Abbruch, die ist ausgesprochen relaxed, das Publikum relativ jung, die Musik allerdings alt. Carlos Gardell ist Programm, und die Pausen zwischen den Tandas sind mit Rock & Roll fast genauso beliebt wie Tango.
 
Um halb zwei fängt die Show an. Sie räumen die Tanzfläche, schieben das alte Ding von zwei Meter hohem Piano in die Mitte, stellen Geige, Bandoneon, Chello und den Sänger dazu und dann wird aufgespielt. Subjektiv besser als beim Tango y Cena, aber ohne den geringsten Respekt: ein Lied darf er ungestört singen, dann holen sich die Tänzer die Tanzfläche zurück und tanzen kurzerhand um die Band herum. Beim Verstärkerkabel muß man ein bißchen aufpassen wegen Stolpergefahr, doch es gab keine Zwischenfälle. Ziemlich cool das Ganze. Ja, Buenos Aires entfaltet langsam seinen Charme.
 
 
 
4 Uhr
Zapfenstreich
 
Und weil es zu dem Abend so schön paßt, finde ich meine Tangolehrerin. Sie hat die Herausforderung angenommen und ab Donnerstag hat sie eine Woche Zeit, aus mir einen Milongero zu machen. Aber das ist eine andere Geschichte.